Künstlerische Visionen entstehen nicht in Exel-Spalten
Vor einigen Wochen war ich zu Gast auf einer großen Wirtschaftskonferenz. Dort fiel ständig das Wort “Vision”. Deutschland brauche mehr Visionen. Unternehmen bräuchten Visionen. Führungskräfte müssten visionärer werden. Und und und.
Vom ehemaligen Bundeskanzler Helmut Schmidt stammt der Satz: “Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen.” Das ist etwas zu drastisch gesagt. Aber irgendwann dachte ich: Vielleicht fehlt es uns in Deutschland gar nicht an Visionen. Vielleicht geht es um die Grundlage dafür, die wir drohen zu verlieren: unsere Vorstellungskraft!
Visionen beginnen nicht mit Strategie. Sie beginnt mit Fantasie. Mit inneren imaginären Bildern und dem Gedanken: Wie könnte etwas sein? Die Fähigkeit, sich etwas vorstellen zu können, das noch nicht sichtbar ist. Einem Zustand wie er sein könnte in der Zukunft. Dieses Konzept begegnet mir immer wieder in der Kunst. Künstlerinnen und Künstler arbeiten mit ihrer Imaginationskraft. Sie entwickeln Bildwelten, Atmosphären, Spannungen und Gedankenräume, die uns emotional erreichen. Gute Kunst berührt nicht nur unseren Verstand. Sie macht etwas mit uns. Sie fordert uns heraus, irritiert, zieht uns hinein. Liegt genau darin ein Problem unserer Wirtschaft? Vielleicht erlauben wir uns zu selten, unserer Vorstellungskraft einen Ausdruck zu geben? In Zahlenkolonnen entsteht selten inneres Erleben. Und die meisten Power-Point-Präsentationen erzeugen keine Bilder und Emotionen, weil sie zu abstrakt sind.
Künstler:innen hingegen arbeiten oft jahrelang an ihren (inneren) Bildern, ohne zu wissen, ob sie jemals verstanden werden. Ob ihre Arbeiten einen Markt finden. Ob sie davon leben können. Und trotzdem gehen sie weiter und bewältigen dabei einen Spagat: Einerseits verteidigen sie ihre Freiheit, die Basis und Triebfeder für ihre künstlerische Arbeit. Andererseits reicht Freiheit in einer von ökonomischen Zwängen bestimmten Welt allein nicht aus. „Künstlerinnen und Künstler brauchen auch eine stabile Basis. Sie brauchen Zeit, Ressourcen, soziale Absicherung und die Möglichkeit, sich auf ihre Arbeit zu konzentrieren“, sagt Deborah Schamoni. „Sie brauchen Herausforderungen: Termine, Deadlines, Ausstellungen, Erwartungen.“ Schamoni betreibt eine angesehene Galerie in München und gehört zu den prägenden Protagonistinnen der Gegenwartskunst. Mit ihr habe ich mich ausführlich darüber unterhalten, warum sie sich nicht als Händlerin versteht und warum Kreativität ohne Freiheit nicht entstehen kann. Das ausführliche Interview könnt Ihr hier lesen https://www.kirsten-schrick.de/magazin/kunst-braucht-freiheit-aber-auch-menschen-die-an-sie-glauben
Als Fazit bleibt: Visionen entstehen nicht aus perfekter Planung. Sie entstehen aus der Fähigkeit, innerlich etwas sehen zu können, bevor es Realität wird. Wer diese Konzepte jedoch mutig in die Welt tragen will, braucht Durchhaltevermögen. Dafür ist bei aller Freiheit wirtschaftliche Stabilität und Sicherheit notwendig.