Wie wir lernen, wieder zuzuhören
Was Zuhören im Arbeitsalltag erschwert, ist die hohe Taktung von Terminen. Hinzu kommen ein permanenter Entscheidungsdruck und die Erwartung, schnell Lösungen liefern zu können.
Nicht zu vergessen: die digitale Ablenkung. Zuhören wird dadurch zu etwas, das wir „nebenbei“ machen. Aber genau das funktioniert nicht. Was also dann? Ein Beispiel dazu aus meiner Praxis: In einem Bereich gibt es Spannungen zwischen zwei Teams. Auf der Sachebene werden Argumente ausgetauscht. Zahlen, Fakten, Zuständigkeiten. Erst als einer der Beteiligten sagt: „Ich habe den Eindruck, dass hier auch viel Frustration im Spiel ist – stimmt das?“ verändert sich die Situation. Die andere Seite beginnt zu erzählen, was sie seit Monaten belastet. In diesem Moment entsteht empathisches Zuhören. Und daraus entwickelt sich eine neue Tiefe. Die fordert zwar noch nicht sofort die Lösung, aber ein gemeinsames Verstehen. Dann sagt einige Minuten später ein Kollege: „Wenn wir das alle so sehen, müssten wir eigentlich ganz anders zusammenarbeiten…“ Das ist der Moment des schöpferischen Zuhörens. Jetzt entsteht eine neue Idee der Zusammenarbeit, nicht aus sachlichen Argumenten, sondern aus der Verbindung zwischen Menschen.
Meine Mini-Übungen dazu für den Alltag (sofort umsetzbar):
- Visueller Anker: Lege Dir einen Gegenstand in Dein Sichtfeld, zum Beispiel einen Stift oder eine Karte. Seine einzige Funktion: Dich im Gespräch daran zu erinnern, nicht sofort zu bewerten.
- 30-Sekunden-Regel: Erlaube Dir bewusst, 30 Sekunden länger zuzuhören, als Du es gewohnt bist. Kein Unterbrechen. Keine Lösung. Nur Gesagtes aufnehmen.
- Paraphrasieren statt reagieren: Starte Deine Antwort mit: „Du meinst also, dass…“ „Dir ist wichtig, dass…“ „Deine Idee bedeutet …“. Das zwingt Dich, erst zu verstehen – dann zu sprechen. Gerade hier gilt: Wende diesen Trick nicht mechanistisch an, sondern weil Dich die Impulse des anderen wirklich interessieren. Sonst werden solche Sätze zum Fake.
- Ablenkung radikal reduzieren: Handy weg, Bildschirm schließen, Körper zum Gegenüber. Klingt banal – ist aber wirksam.
- Fokus aktiv zurückholen: Wenn Du merkst, dass Deine Gedanken abschweifen: Gehe bewusst zurück zur/zum Gesprächspartner:in. Dieses Refokussieren braucht Wiederholung.