Es bewegt sich was – wenn die Kultur trägt
Manchmal fährt man als Referentin zu einer Veranstaltung, um einen Impuls zu geben – und startet dann selbst so richtig mit Rückenwind in die Sommerfrische.
So jedenfalls erging es mir bei meinem Besuch der Führungswerkstatt des Bosch-Standorts Blaichach/Immenstadt.
Rund 4.200 Menschen aus etwa 40 Nationen arbeiten in dem Werk. Der Produktionsstandort des Technologiekonzerns steckt mitten in einem anspruchsvollen Transformationsprozess, der tiefgreifende Veränderungen nach sich zieht. Niemand, den ich bei der Veranstaltung erlebt habe, machte sich darüber Illusionen. Gerade deshalb hat mich diese Führungswerkstatt vom Werk Blaichach/Immenstadt, die seit vielen Jahren Tradition ist, so begeistert. Denn die Entscheidung dazu lautete: Auch in Zeiten wie diesen wird dieses Format durchgeführt – nur eben in einem anderen Rahmen.
Die Führungswerkstatt fand in diesem Jahr in der Umweltstation Unterallgäu in Legau statt. Mehrere Teilnehmende teilten sich dort Hütten – inklusive Werksleitung. Andere kamen mit dem eigenen Camper. Vieles wurde in Eigenregie organisiert, von Führungsworkshops über den Getränkewagen bis zum DJ. Und die Stimmung? Sensationell. Da war eine Energie, die man nicht verordnen kann. Sie entsteht, wenn Menschen Verantwortung übernehmen und Gemeinschaft wirklich leben. Diese Kultur beschreibt das Werk mit: Selbstvertrauen, Zusammengehörigkeit und Verlässlichkeit. Ebenso wie Exzellenz, Innovation und Zukunftsperspektive.
Ich habe diese Werte nach meinem Besuch noch einmal gelesen und dachte bei mir: Genau so habe ich das dort erlebt! Für mich ist das organisationale Integrität: Wenn das, was eine Organisation über sich sagt, und das, was sie tatsächlich lebt, zusammenpasst – und auch für Menschen von außen spürbar wird. Und ich habe noch etwas anderes erlebt: Kooperation. Bei dem Event kamen Führungskräfte unterschiedlicher Hierarchieebenen und Mitarbeitende zusammen. Personalverantwortliche und Betriebsrat arbeiteten miteinander und saßen am Abend im wahrsten Sinne des Wortes gemeinsam an einem Tisch. Es wurde diskutiert, nachgedacht und gefeiert. Unterschiedliche Rollen, unterschiedliche Interessen, unterschiedliche Perspektiven – und ein gemeinsamer Dialog darüber, wie dieser Standort auch in Zukunft seine Exzellenz erhalten kann. Für mich war das im besten Sinne Best Practice für eine Kultur im Wandel. Denn Transformation verlangt den Umgang mit Ambivalenzen. Herausforderungen wurden klar benannt, unterschiedliche Interessen blieben sichtbar. Gleichzeitig waren die Menschen miteinander im Gespräch und übernahmen gemeinsam Verantwortung für das, was vor ihnen liegt.
Am zweiten Tag dann mein Auftritt. Wir starteten am Morgen im Plenum mit meiner Key Note. Das Publikum: wach, präsent und aufmerksam. 90 Minuten haben wir gemeinsam über Abschied, Transformation, Emotionen und die Fähigkeit gesprochen, Vertrautes loszulassen und sich Neuem zuzuwenden. Diese Verbindung aus fachlicher Exzellenz und Offenheit für neue Führungsthemen habe ich schon lange nicht mehr so intensiv erlebt. Aus meiner Erfahrung heraus zeigt sich die Wahrhaftigkeit von Unternehmenskultur genau dann, wenn der Wind rauer wird und heftig von vorn kommt. Das Miteinander aufrechterhalten — auch wenn gespart werden muss. Die Herausforderungen realistisch betrachten und Zuversicht erzeugen. Unterschiedliche Interessen aushalten und das WIR im Blick behalten. Das ist für mich organisationale Resilienz.
So gingen die Menschen nach diesen Tagen mit neuer Kraft und Zuversicht nach Hause und sahen der Sommerpause entgegen. Ich danke Cornelius Surkamp als Gastgeber und Melanie Albrecht und Thomas-Joachim Fritsch für die Einladung zur Werkstatt.