Merger: Out of the crisis and into a new home
A merger is imminent — and it is not clear whether our customer’s division can find a new home.
Seine Bilder bewegen sich zwischen Figuration und Abstraktion, zwischen Klarheit und Rätsel. Im Rahmen meiner Reihe „Kunst und Wirtschaft“ habe ich mit ihm über Freiheit, Unsicherheit und die Frage gesprochen, was Kunst unserer Gesellschaft heute vielleicht voraus hat.
Boris, viele Menschen erleben die Gegenwart als widersprüchlich, polarisierend und überfordernd. Was beschäftigt Dich aktuell künstlerisch besonders?
Dass die Fähigkeit zum Zuhören verloren geht. Ich habe das Gefühl, dass wir uns immer stärker in unseren eigenen Blasen bewegen. Durch soziale Medien wird dieses Phänomen noch verstärkt. Jeder hält sich in seinem eigenen Kreis auf und entwickelt schnell eine Art moralische Überlegenheit. Man hört der anderen Seite gar nicht mehr richtig zu. Mich beschäftigt genau das. Diese Vorstellung, dass die Welt in Gut und Böse, Schwarz und Weiß eingeteilt werden kann. So ist das Leben doch nicht. Es gibt unendlich viele Graustufen. Aber darüber die wird immer weniger gesprochen beziehungsweise diese Graustufen werden nicht wahrgenommen oder diskutiert. Das Leben ist kein Fußballspiel, bei dem am Ende feststeht, wer gewonnen hat.
Wie nimmst Du Deine Generation wahr?
Ich beobachte einen enormen Drang zur Selbstoptimierung. Alle wollen die beste Version ihrer selbst werden. Ich nehme mich da nicht unbedingt aus. Aber manchmal habe ich das Gefühl, dass dabei etwas verloren geht. Ecken und Kanten, Widersprüche und Echtheit zum Beispiel. Gleichzeitig finde ich es gut, dass wir heute viel offener über psychische Gesundheit sprechen. Wir merken langsam, dass permanente Optimierung irgendwann an Grenzen stößt.
Künstlerische Arbeit bedeutet oft, lange mit Unsicherheit zu leben. Wie gehst Du damit um?
Eigentlich beginnt jede Arbeit mit Unsicherheit. Ich versuche inzwischen, sie nicht mehr abschütteln zu wollen, sondern sie anzunehmen. Das ist oft der freieste Moment. Die Dinge sind schon in Bewegung, aber sie zeigen noch nicht in eine Richtung. Da ist alles noch offen. Natürlich ist das nicht leicht auszuhalten. Aber ich habe gelernt, dass genau durch diesen Moment oftmals die interessanteren Möglichkeiten entstehen. Meistens wird ein Bild ohnehin nie so, wie ich es ursprünglich geplant habe. Und das ist fast immer auch gut so. Im Atelier versuche ich außerdem, die Betrachterinnen und Betrachter zu vergessen. Wenn ich anfange, durch die Augen anderer auf meine Arbeit zu schauen, verliere ich etwas Wesentliches. Dann arbeite ich plötzlich für Erwartungen, statt für die Arbeit selbst. Das würde sich für mich wie Selbstverrat anfühlen.
Welche Rolle spielt Freiheit für Deine Arbeit?
Freiheit ist wahrscheinlich das Wertvollste an diesem Beruf. Sie wiegt viele Unsicherheiten auf. Die Möglichkeit, selbst zu bestimmen, wie ich arbeite, wann ich arbeite und wohin ich gehe, ist für mich ein riesiges Geschenk. Gleichzeitig habe ich gelernt, dass Freiheit auch Schutz braucht.
Inwiefern?
Für mich ist Kreativität wie ein kleines Pflänzchen. Ich versuche ständig, dieses Pflänzchen zu beschützen. Vor Druck, vor zu viel Lärm, vor Sorgen. Denn sobald man nur noch darüber nachdenkt, wie man die Miete bezahlt oder wie etwas ankommt, wird kreatives Arbeiten schwierig. Dabei ist das Spielerische für meine Arbeit notwendig, gleichzeitig ist es aber auch unglaublich fragil.
Unternehmen suchen oft sehr schnell nach Lösungen. Kunst hält Fragen häufig länger offen. Welche Rolle spielen Ambivalenz und Unklarheit in Deiner Arbeit?
Eine zentrale Rolle. Malerei ist für mich Kommunikation. Aber eben eine nonverbale Form von Kommunikation. Deshalb finde ich es sogar problematisch, wenn jemand über ein Bild sagt: Das bedeutet genau das oder das. Damit wird ein Korridor, den ich mit meinen Arbeiten aufspanne, unnötig eingeengt. Mich interessiert das Offene. Dass ein Bild Raum lässt. Für Missverständnisse. Für unterschiedliche Erfahrungen. Für Interpretationen. Diese Betrachtung ist aus meiner Sicht auch näher am Leben. Wir versuchen ständig, allem einen Sinn zu geben und alles zu erklären. Aber wenn wir ehrlich sind, verstehen wir doch viel weniger, als wir glauben. Eigentlich befinden wir uns die ganze Zeit in einer großen Ahnungslosigkeit. Und Kunst erinnert uns daran.
Wie wichtig sind Verletzbarkeit und Ehrlichkeit für kreative Prozesse?
Ehrlichkeit trifft es für mich besser als Verletzbarkeit. Wie zuvor bereits gesagt, merke ich beim Malen sofort, wenn ich anfange, Erwartungen zu erfüllen. Das sieht man dann auf der Leinwand, ich zumindest sehe es. Ein gutes Bild entsteht für mich dann, wenn man wirklich man selbst ist. Wenn man nicht versucht, etwas darzustellen, sondern etwas zeigt. Verletzlich wird man spätestens, wenn das Bild ausgestellt wird. Kritik kann schmerzen. Aber noch schwieriger empfinde ich mitunter Desinteresse. Man arbeitet Wochen, Monate oder Jahre an etwas. Und dann schaut jemand zwei Sekunden hin und geht weiter. Das musste ich lernen, auszuhalten. Vor allem musste ich verstehen, dass daraus nicht automatisch folgt, dass die Arbeit schlecht ist. Das ist ein großer Unterschied.
Gab es Zweifel oder Krisen, die rückblickend wichtig für Deine Entwicklung waren?
Eigentlich besteht der ganze Weg aus Zweifeln. Meine Motivation, Kunst zu machen, war ursprünglich eine Identitätssuche. Ich hatte lange das Gefühl, nicht zu wissen, wer ich bin. Kunst war mein Versuch, das herauszufinden. Heute würde ich nicht behaupten, dass ich angekommen bin. Vielleicht kommt man da auch nie ganz an. Aber von Bild zu Bild, von Gespräch zu Gespräch verstehe ich etwas mehr — nicht nur von der Kunst. Sondern über mich selbst.
Wir haben bereits über Sicherheit und Unsicherheit gesprochen. Was können Wirtschaft und Gesellschaft in dieser Hinsicht von Künstlerinnen und Künstlern lernen?
Vielleicht, mehr Seele in die Dinge zu legen. Wachstum und Profit sind wichtig. Aber wenn alles nur noch diesem Ziel untergeordnet wird, zahlen wir einen hohen Preis. Dann verlieren wir den Sinn. Die meisten Künstlerinnen und Künstler, die ich kenne, sind Idealisten. Ein bisschen mehr Idealismus würde unserer Gesellschaft wahrscheinlich nicht schaden.
Und wenn Du einen Wunsch für die Zukunft frei hättest?
Es sollte mehr Raum geben. Mehr Raum für Fehler. Mehr Raum für Spinnereien. Mehr Raum für verrückte Ideen. Auch, wenn die meisten spinnerten Ideen nicht funktionieren — die wenigen, die funktionieren, verändern alles. Aber dafür braucht es Zeit, Vertrauen und Menschen, die bereit sind, an etwas zu glauben, bevor es sich rechnet. Vielleicht gilt das für die Kunst genauso, wie für die Wirtschaft und Gesellschaft.